Anna Jermolaewa

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Absturz im Kurvenreich: T-Mobile artaward 2006 an Anna Jermolaewa


Die nach Wien emigrierte Russin erhält den mit 15.000 Euro höchstdotierten privat vergebenen Kunstpreis Österreichs

Es ist ganz einfach: Es ist so lange finster, bis dieser erigierte Schwanz auf den Lichtschalter stößt - dann ist es hell; lange genug, um den Rückzug des anonymen Beleuchters verfolgen zu können, der - ganz Schwanz - natürlich zurückkommt, um es sofort wieder finster zu machen, und wieder zurückkommt, um wieder Licht zu machen, sich erneut zurückzieht, um wiederzukommen und wieder Schatten zu bringen, sich ... bei Anna Jermolaewa endet die Geschichte in einem Loop, höhepunktlos, aber nachhaltig. So wie der Alltag eben ist, jenes Geschehen, das kein Dritter bestimmt, aber auch keiner von sich aus. 

Ein Auto fährt Rallye. Die Landschaft ist hügelig. Die Strecke ist Kurvenreich. Das Auto ist rot, der Parcours weiblich. Der Pilot würde im Ziel gerne das Licht aufdrehen. 

Und dann zur Ruhe kommen. Und nachtanken. Ein Grillhuhn essen. Sich eines jener Hühner schnappen, die heilsversprechend vor sich hin rotieren: saftig, fett, knusprig, die sich darbieten auf Anna Jermolaewas Triptychon vom Grill, einem Garten der Lüste, in dem es die drei Bildtafeln längst aufgegeben haben, ihre Beziehung untereinander zu verschlüsseln. 

Und dann schießt die Jermolaewa in jene Kamera, welche sie eben filmt. Ganz einfach, der Künstler mit Waffe auf dem einen, die Kamera - als künftiges Opfer - auf dem zweiten Schirm. Bis es eben knallt und in nahe liegender Folge vom gewaltbereiten Künstler nichts mehr zu sehen ist. Bis alles wieder von vorne anfängt. Keine Zeit für Reue, kein besinnliches Atemholen. Kein Nachdenken. Der Künstler schießt einfach. Er wird nicht aufhören, das zu tun. 

Ganz so, wie dieser Schwanz wächst, sobald er gegossen wird, willfährig anschwillt, kaum dass irgendwer sich um ihn kümmert. So ist das eben. Und Marionetten können noch so hart aufknallen, sie folgen doch jedem Impuls, sich wieder aufzurichten. Und mag die neue Generation von Parkbänken noch so Sandler-abweisend gestaltet sein, die unterstandslosen Körper werden sich verrenkungsreich einzurichten wissen. Schließlich ziehen sich mittlerweile auch die taiwanischen Plastikspielzeuge selber auf, um ihrer Bestimmung vorauszueilen. Und in der Moskauer U-Bahn ändert sich die Werbung auch völlig unabhängig von der Kaufkraft ihrer Fahrgäste.

Anna Jermolaewa wurde für ihre Videos mit dem T-Mobile-Art-Award 2006 ausgezeichnet. Seit Harald Szeemann 1999 das Grillhuhn-Video der 1970 in St. Petersburg geborenen Künstlerin auf der Biennale von Venedig gezeigt hat, wächst ihr Publikum, häufen sich Ausstellungen, stellen sich Preise ein. 

Anna Jermolaewa fährt fort, lapidares Geschehen aufzuzeichnen, alltägliche Ereignisse von enormem Wiedererkennungswert, schlicht berührende Szenen. Den obersten Urheber dieser prototypischen Katastrophen, vorhersehbaren Abstürze und präkeren Affekte spart sie aus, den kann jeder selbst benennen. Im Bild haben die Verursacher nichts verloren, sie wirken stets von außen ein, sind so dezent wie ruhelos am Lenken.

(Markus Mittringer/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2006)