Anna Jermolaewa

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Anna Jermolaewa

Augenblick und Geschichte

In ihren Videoinstallationen und Fotografien thematisiert Anna Jermolaewa fundamentale Aspekte der Realität des Bildes. Der Begriff des Augenblicks spielt eine wesentliche Rolle. Jede Fotografie spiegelt diesen einen, unwiederbringlichen Moment wider. Alles geschieht gleichsam im Hier und Jetzt und ist nach dem Drücken des Auslösers unwiderruflich vorüber. Im Gegensatz dazu hält das Video eine Zeitspanne fest, gleichsam ein zeitlich begrenzter Ausschnitt aus dem Fluss der Wirklichkeit. Dieses Spannungsmoment zwischen Augenblick und Ausdehnung in der Zeit wird etwa in ihrem berühmten Work in progress Five-Year-Plan sichtbar. Auf vier Bildschirmen ist immer der gleiche Ausschnitt mit der Rolltreppe einer U-Bahn Station in St. Petersburg zu sehen. Die Bilder entstanden jeweils im Abstand von fünf Jahren, 1996, 2001, 2006 und 2011. Es ist Winter, die Leute tragen warme Pelzmützen, fahren zur Arbeit oder gehen ihres Weges. Es sind Momentaufnahmen, jeder Augenblick ist einzigartig. Die Bewegung der Rolltreppe betont den Aspekt des Transitorischen, alles ist vergänglich und doch wiederholt sich das immer Gleiche. Es sind nie dieselben Menschen. Der Fluss des Lebens wird in dieser scheinbar so alltäglichen, kleinen Szene auf verstörend einfache Weise erfassbar. Dazu kommen Aspekte wie Individualität und Masse, der Einzelne und die Gemeinschaft. Jermolaewa sieht dieses Projekt als Lebenswerk und so wird auch sie selbst Teil dieses Zeitstückes.

Charakteristisch für Jermolaewa ist die Divergenz zwischen der Einfachheit ihrer filmischen Darstellung und der existentiellen Relevanz und Hintergründigkeit ihrer Werke. Die filmische Schlichtheit betont das Dokumentarische der Aufnahmen. Wie bedrückend und labil die Wirklichkeit sein kann, zeigt auf beeindruckende Weise Jermolaewas Werk IN/OUT von 2011. Der Betrachter sieht zunächst eine Bücherwand in einer Privatwohnung. Ganz langsam zieht die Kamera in die Totale und allmählich wird klar, dass die auf den ersten Blick kleine, gemütliche Bücherwand der einzig intakte Gegenstand eines halb abgerissenen Gebäudes ist. Wie eine Wunde klafft das riesige Loch im Haus, das Private wird entblößt, schutzlos erstarrt die Bibliothek als letztes unversehrtes Objekt inmitten einer zerstörten Existenz. Die Geräusche der Straße verweisen auf den Bezug zur Wirklichkeit dieser Szenerie. Der scheinbar schlichte Titel IN/OUT bezieht sich einerseits auf das Innen und Außen des Hauses, zum anderen ist er als Metapher jeder menschlichen Existenz zu verstehen. Im Video setzt die Künstlerin auf berückende Weise die Transformation des Realen um. Und so wird aus dem scheinbar unbeteiligten, dokumentarischen Festhalten eines Augenblicks die verstörende Geschichte eines Lebens.

In einem neuen Werk Ohne Titel von 2012 zeigt Jermolaewa die Bewegung von Luft auf der Haut. Durch den intensiven Luftstrom eines Handtrockners entstehen wellenartige Bewegungen auf der Haut. Die Luft dehnt sich kreisförmig aus, die Handflächen scheinen das Epizentrum im Strudel bewegter Luft. Auf intensive Weise visualisiert Jermolaewa hier das Nicht Sichtbare. Das Auftreffen des Luftstroms auf den Händen erzeugt die fließende Bewegung, die der Betrachter wahrnimmt. Thema dieses Werkes ist Poetisierung des nicht Sichtbaren und die Transformation des Realen. Die Handflächen werden zu Trägern gleichsam geologischer Formationen.

In ihren Videos aber auch in ihren Fotoarbeiten beschäftigt sich Anna Jermolaewa immer wieder mit der Diskrepanz zwischen dem rein dokumentarischen Charakter des Filmischen und dem Kontext der Bilder in der realen Welt. Ihre Videos zeichnen sich durch große künstlerische Präzision und einen Sinn für das Hintergründige der reinen Darstellung des Realen aus. Die Transformation des Realen entsteht aus der Suggestion der einfachen Bilder, das Detail wird zum Sinnbild existentieller Bestimmungen: die Pelzmütze eines Mannes in der U-Bahn, der Rosamunde Pilcher Roman in der Bibliothek einer älteren Dame. Die Videos sind Momentaufnahmen, Manifeste der Zeit und auch subtile Auslöser einer Reflexion über das Transitorische der Wirklichkeit.

Gaby Gappmayr für Galerie Johann Widauer 2012